Ehrengäste 2013

Charles Stross

Charles StrossCharles Stross.
Foto: Sjbradshaw at en.wikipedia
Der 1964 im britischen Leeds geborene Autor hat eine Vision. Die atemberaubende und letztlich bedrohliche Beschleunigung der technischen Entwicklung, die unter anderem von Vernor Vinge unter dem Begriff „Singularität“ vorhergesehen wurde, wird in seinen Büchern zur Bühne für verstörende Ereignisse. Dabei versteht er es, den Leser mit auf die Reise zu nehmen, in eine Welt, in der scheinbar unveränderliche Grundfesten unserer Gesellschaften längst variable Verfügungsmasse geworden sind.
Menschen können sich verdoppeln und vervielfachen, sie können sterben und beliebig oft wieder auferstehen, sie können sich in Tiere oder Maschinen verwandeln, weibliche oder männliche Körper annehmen, ihr Gedächtnis verlieren oder mit einer neuen Identität programmiert werden. Der eigene, genau definierte Standort ist eine Illusion in einer Welt, in der man bei Durchschreiten einer Tür Lichtjahre durchmisst, ohne es zu merken.
In dieser Welt wäre ein Mensch der heutigen Zeit hilflos. Genauso würde es dem Leser ergehen, wenn es Charles Stross nicht gelingen würde, passende Brücken zu bauen. In Accelerando beginnt die explosive Entwicklung der Technik in unserer Zeit und bleibt für den Leser Schritt für Schritt nachvollziehbar. In Glashaus nehmen die in ferner Zukunft lebenden Hauptpersonen an einem Experiment teil, bei dem es darum geht, die Lebensverhältnisse in unserer „rückständigen“ Zeit zu erforschen. In Singularität steht eine menschliche Kolonie im Mittelpunkt, die auf den technischen Stand des 19. Jahrhunderts zurückgefallen ist. Sie erlebt einen Kulturschock, als eine fortgeschrittene Zivilisation auf ihrem Planeten Telefone abwirft.
Es sind außergewöhnliche Ideen wie diese, die Charles Stross zu einem der besten Science Fiction-Autoren unserer Zeit machen. Ständig bleibt er den zukünftigen technologischen Umwälzungen auf der Spur, die die Menschheit vielleicht nicht vernichten aber möglicherweise in eine völlig andere Lebensform umwandeln werden. Dabei versteht er sich auch auf zeitnahe Szenarien: Wenn er in Halting State die Probleme beschreibt, die sich einer Kriminalistin in einem unabhängigen Schottland bei der Bekämpfung von Cyber-Kriminellen stellen, beeindruckt er mit der Schilderung von polizeilichen Recherchen, die so in 20 Jahren Wirklichkeit sein könnten. In Accelerando dagegen reicht sein Weitblick bis zum Matroschka-Gehirn, einer ineinander verschachtelten Anordnung mehrerer Dyson-Sphären, die eine maximale Energie-Ausbeute zum Betrieb eines gigantischen Computers zur Verfügung stellen. Dieser Superrechner soll das Bewusstsein von Menschen in sich aufnehmen können, die in einer von ihm geschaffenen Simulation leben können. Schließlich soll die gesammelte Energie für eine Manipulation des gesamten Universums genutzt werden.
Stross überzeugt, egal ob er sich mit der nahen oder mit der allerfernsten Zukunft beschäftigt. Nach dem Urteil zahlreicher Rezensenten schreibt er die modernste Science Fiction unserer Zeit. Mit ihm gemeinsam einen Blick in seine Welt zu werfen, dürfte damit zum Aufregendsten gehören, was eine Science Fiction-Convention ihrem Publikum bieten kann.
Mehr Information über Charles Stross gibt es auf seinen Webseiten unter http://www.antipope.org/.

Michael Marcus Thurner …

Michael Marcus ThurnerMichael Marcus Thurner.
Foto: © Pabel-Moewig Verlag GmbH
… wurde 1963 in Wien geboren. Während eines Studiums der Anglistik, Geographie und Geschichte entschloss er sich, doch nicht Lehrer für diese Fächer werden zu wollen. Es folgten abwechslungsreiche Tätigkeiten bei einer Sicherheitsfirma, in einem Reitstall, als Kellner und als Verkäufer in einem Geschäft für Motorradzubehör. Seit 2002 schreibt Thurner für die Atlan-Serie, ab 2005 für Perry Rhodan. Vorausgegangen war dieser Karriere 1998 ein dritter Platz beim William-Voltz-Kurz­geschichten­wettbewerb mit der Story „Tod eines Unsterblichen“. In Wien, der Stadt, in der er sich nach eigenen Angaben immer noch „pudelwohl“ fühlt, ist er seit langen Jahren Teilnehmer des Perry Rhodan-Stammtischs. Kein Wunder also, dass er sich über die Aufnahme ins Autorenteam gefreut hat. Seit 2003 gibt es aus Thurners Feder außerdem regelmäßig Beiträge zur Heftserie Maddrax.
2009 erschien mit Turils Reise sein erster eigenständiger Roman außerhalb der Heftreihen. Er wurde 2011 ins Polnische übersetzt. Der Autor folgt darin den Abenteuern eines menschenähnlichen Thanatologen – anders ausgedrückt, eines Bestattungsunternehmers mit erweiterten Befugnissen. Wenn es sein muss, leistet der Held Turil auch schon mal Sterbehilfe. In der Raumregion „Kahlsack“, die von interstellaren Schiffen aus unbekannten Gründen nicht verlassen werden kann, trifft Turil auf einen Vertreter der Kitar. Die Spezies ist die einzige, die im Kahlsack Ärger macht und ganze Welten zerstört. Magisch angezogen von dem Fremden geht Turil auf eine Reise, die ihn auch weit in seine eigene Vergangenheit führt.
Dem Romandebut werden Schwung, Spannung, Exotik und ein erfrischender Humor bescheinigt. Auf den ersten Seiten, so ein Rezensent, wird der Leser von den Geschehnissen regelrecht überrumpelt. 2010 ist im Heyne-Verlag sein zweiter Roman Plasmawelt erschienen.
Privat ist Michael Marcus Thurner ein begeisterter Fußballfan und gibt nach eigenen Angaben auf dem Platz den „gnadenlosen Abräumer, vor dem kein Schienbein sicher ist“. Als Fan hält er seit über 40 Jahren dem SK Rapid Wien die Treue. Er liest und liebt Comics, hält Carl Barks für den großartigsten Geschichtenerzähler aller Zeiten und ist dazu noch leidenschaftlicher Motorradfahrer.
Von unserem vormaligen deutschsprachigen Ehrengast Leo Lukas ist uns der Kollege wärmstens empfohlen worden. Auch ein Grund, zum zweiten Mal in Folge einen Österreicher nach Dortmund einzuladen. In Fankreisen wird überdies vermutet, dass die beiden Wiener gerade dabei sind, gemeinsam interessante neue Projekte auszubrüten. Werden wir etwa mehr darüber erfahren? Wie geht es im Perry Rhodan-Universum weiter? Welche neuen eigenständigen Projekte stehen an? Fragen, die wir an unseren Gast richten wollen. Auf die Antworten sind wir schon gespannt!

Stas Rosin …

Stas RosinStas Rosin
… wurde in Odessa in der Ukraine geboren, siedelte aber 1996 in den Ruhrpott über, wo er das Heinrich-Kleist-Gymnasium in Bochum besuchte. Später studierte er an der Ruhr-Universität Sozialpsychologie und Pädagogik. Schon während der Schulzeit fand seine erste Ausstellung statt, der weitere in Düsseldorf und Bochum folgen sollten. In den letzten Jahren sind die Herausgeber der prominentesten Science Fiction-Magazine Deutschlands auf unseren Gast aufmerksam geworden. Er hat Titelbilder und Innenillustrationen für das NOVA-Magazin und für mehrere Publikationen des SFCD angefertigt, so etwa für ANDROMEDA und ANDROXine. Seine einzigartige Fähigkeit, technische Motive mit absurden Formen und Figuren zu verbinden, war Garant für den Erfolg.
Die Science Fiction ist das erklärte Lieblingsgenre von Stas Rosin. Die Reise aus seiner Heimat am Schwarzen Meer nach Deutschland hatte aus seiner Sicht etwas von SF – oder von Krimis oder absurden Komödien. Er beobachtet bis heute aufmerksam die politischen Geschehnisse in Russland, dem mächtigen Nachbarn seines Geburtslandes, und freut sich über die größere Meinungsfreiheit im Westen Europas. Die Kunst ist für ihn ein Weg, diese Freiheit auszuleben. Machthaber autoritärer Staaten fürchten Künstler seiner Meinung nach, weil sie Menschen dazu bewegen können, über die Verhältnisse, in denen sie leben, nachzudenken und sich diese anders zu wünschen.
Mit Stas Rosin haben wir einen Künstler gefunden, der in seiner Vielseitigkeit begeistert. Neben der Malerei hat er sich auch dem Webdesign, vor allem aber der Lyrik verschrieben. So wurde unlängst eines seiner Werke in den XIII. Lyrik-Sammelband der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte aufgenommen.
2010 wurde er für seine Grafiken sowohl für den European SF Award wie auch für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert. Gründe dafür gibt es so viele, wie es Zeichnungen von ihm gibt, denn sein Stil ist einzigartig. Stas Rosins Bilder sind Grenzgänger der Phantasie, leichtfüßig, bisweilen amorph, organisch, lebendig. Nicht immer erschließt sich das Motiv auf den ersten Blick, und das muss es auch gar nicht. Denn eines ist den Zeichnungen allen gemein: Sie laden zum Träumen ein. Sie wollen vom Betrachter erschlossen werden, und der Interpretationsmöglichkeiten gibt es viele. In diesem Sinne: Kommt, schaut, träumt und redet darüber!