Rückblick 2013

Dortmund backt sich den Menschen der Zukunft

Ein Rückblick von Arno Behrend

Die Eröffnung des diesjährigen DORT.con hatte es in sich: Im Dienste der Wissenschaft, so verkündete Moderator Arno Behrend, sollte der Mensch der Zukunft erschaffen werden. Die DNA auserkorener Kandidaten sei zu rekombinieren, um ein Exemplar der Gattung Homo Sapiens zu entwerfen, das auch das kommende posthumanistische Zeitalter überstehen kann. Der Con sei nichts anderes als ein großes Experiment, in dessen Verlauf die Ehrengäste auf ihre entsprechende Tauglichkeit als DNA-Spender zu prüfen seien. Drei Kandidaten standen damit für diese Aufgabe fest:

Charles Stross – Feind aller frei lebenden Waschbären

Charles StrossCharles Stross
Foto: Peter Fleissner
Der Freigeist aus Edinburgh ist mit Sicherheit einer der spannendsten Gäste gewesen, die der DORT.con jemals hatte. Ab 2005 entwickelte er in Büchern wie Accelerando eine posthumanistische Welt, in der Computer das Sagen haben, und Menschen eine geduldete Randexistenz führen. Bei uns stellte er sein eigenes Konzept in Frage. Entwickler verstehen immer noch zu wenig von echter Intelligenz, so dass man nicht von der Erschaffung einer echten KI ausgehen kann, so Charles Stross. Von der fernen Zukunft hat es ihn deshalb in das Schottland der kommenden Jahrzehnte verschlagen, wo sein Roman Du bist tot angesiedelt ist. Und er beschäftigt sich mit den Monstern aus dem Cthulhu-Universum von H.P.Lovecraft, wie in seinem Buch Dämonentor, dem Startpunkt der Laundry-Reihe. Schließlich hat er mit den Merchant Princes-Romanen eine Serie um Abenteuer auf verschiedenen parallelen Erden vorgelegt. Das aus der Laundry-Reihe bisher in Deutschland nur ein Buch erschienen ist und von der Merchant-Princes-Reihe gar keins ist schon bemerkeinswert, wenn man bedenkt, um was für einen einfallsreichen Autor es sich handelt. Charles Stross hat uns in Dortmund nach alternativen Veröffentlichungsmöglichkeiten gefragt, nachdem die Situation beim Heyne-Verlag für ihn nicht besser zu werden scheint.
Richtig verblüfft hat uns unser ausländischer Ehrengast am Ende des internationalen Frühschoppens am Sonntag – und das obwohl er dem Start des Programmpunkts um 10:00 Uhr morgens wenig abgewinnen konnte. Die Gentechnik wird es Wissenschaftler in Zukunft ermöglichen, neue Lebewesen auf dem Reißbrett zu entwerfen oder schon bestehende zu verändern, so Stross. Wozu sollte man zum Beispiel Menschen in der Landarbeit einsetzen, wenn genetisch manipulierte und durch Drogen kontrollierte Waschbären die Arbeit genauso gut oder besser machen können? Diese Idee ist sicher nur eine der vielen Möglichkeiten, die sich eröffnen, wenn man die Anwendung der Genetik zu Ende denkt. Vielleicht werden wir in den zukünftigen Büchern von Charles Stross mehr darüber lesen.

Stas Rosin – bildgewaltiger Menschversteher

Stas RosinStas Rosin
Foto: Peter Fleissner
Wir hatten ja befürchtet, unser Grafikehrengast könnte etwas still sein. Das war dann Gott sei Dank nicht der Fall. Stas Rosin hat sich zu allen unseren Diskussionsthemen geäußert und das immer sehr interessant. Zum Teil liegt das sicherlich an seiner Ausbildung als Psychologe, die er tagein, tagaus zur Anwendung bringt. Wenn darüber gesprochen wird, ob Menschen sich gerne oder weniger gerne technische Fortsätze einpflanzen würden, kann er die Frage vor diesem Hintergrund beantworten. Und fast immer ging es ihm dabei auch um das Ästhetische, die künstlerischen Möglichkeiten, die in so einer Zukunft stecken und die er spannend findet. Stas ist weder ein Künstler, der gerne nach genauen Vorgaben arbeitet noch gibt er selbst welche, wenn es um die Interpretation seiner Bilder geht. Da muss er sich selbst genauso ans Ausdeuten machen, wie alle anderen auch. Er freut sich, wenn verschiedene Menschen verschiedene Dinge in seinen Werken erkennen. Es ist leichter, so der Künstler, sich durch das Bild daran zu erinnern, welches Science Fiction-Hörspiel er beim Malen gehört hat. Er bevorzugt, seiner Herkunft entsprechend, beim Hören osteuropäische Autoren wie Lem und die Strugatzkis. Es bleibt für Stas dabei, dass Science Fiction und Phantastik generell den Geist frei machen, zum Phantasieren einladen, auch an Orten, an denen die Freiheit nicht so hoch gehalten wird. Seine einzigen zielgerichteten Bilder befassen sich mit der russischen Politik. Demgegenüber stehen faszinierende Werke, die Verlage gerne zur Illustration nutzen und die anfänglich kaum anders entstehen, als eine herkömmliche Kritzelei beim Telefonieren. Supervisionssitzungen und Weiterbildungsveranstaltungen bieten zum Beispiel genug Möglichkeiten, nebenbei eine Skizze anzufangen, die dann später weiter bearbeitet und koloriert wird. Und schon gibt es ein neues Bild. Wir haben Stas Rosin als einen sehr entspannten und vielseitig interessierten Gast kennen gelernt mit dem man sich gerne länger unterhält. Nach Möglichkeit wollen wir das auch nach dem DORT.con wieder tun.

Michael Marcus Thurner – dunkle Seele auf gemütlichem Grund

Michael Marcus ThurnerMichael Marcus Thurner
Foto: Peter Fleissner
Eine für Autoren wichtige Wahrheit hat Michael Marcus Thurner völlig verinnerlicht: Man sollte seinen Helden nicht schonen, jedenfalls nicht mehr als nötig. Der Held seines Romans Plasmawelt zum Beispiel muss durch etliche Härten gehen, ehe er zum Ziel kommen kann. Dass es in einem solchen Buch überhaupt ein Happy End geben kann, ist den Konventionen und den Leser-Erwartungen des SF-Genres geschuldet, so Thurner. Er schreibt auch Horror-Geschichten für den Zaubermond-Verlag und kann in diesem Genre mal öfter eine Figur gegen die Wand fahren lassen. Das entspricht ganz seinen Neigungen. Schon sein Roman Turils Reise, der um einen kosmischen Totengräber kreist, ist aus seiner Faszination für das Morbide entstanden, aus dem wienerischen Umgang mit dem Tod, der zum Beispiel den Festschmaus am Grabstein kennt. Je nach dem, was er schreibt, muss sein Lektor ihn manchmal bremsen, damit er in seinen Schilderungen nicht zu brutal wird. Ansehen tut man es dem sympathischen Österreicher nicht. Er strahlt eine Ruhe und Gelassenheit aus, von der man glauben kann, dass sie auf festem Fels gegründet ist. Irgendwelche finsteren Gedanken möchte man ihm gar nicht zutrauen.
Über seine Arbeit an der Perry-Rhodan-Serie hat uns der Autor mitgeteilt, dass die derzeitige Exposée-Redaktion ihm ein sehr bequemes Maß an Freiheit lässt. Überhaupt hat er seine Karriere als professioneller Autor den Schreibseminaren in Wolfenbüttel zu verdanken, die die Perry-Rhodan-Redaktion schon lange regelmäßig durchführt. Der kommende Rhodan-Zyklus soll sehr lesenswert sein. Die Reihe der eigenen Romane will Michael Marcus Thurner nach Plasmawelt weiter fortsetzen. Auch in der Fantasy wird er sich in Zukunft tummeln. Wenn ihn am Horror das Morbide und an der Science Fiction Weite und Grandeur faszinieren, so ist es in der Fantasy die Vielfalt der möglichen Figuren und Weltenwürfe. Und, ja – der Verdacht, der uns nach dem Besuch von Leo Lukas beschlichen hatte, ist richtig. Die beiden Wiener Autoren arbeiten zusammen an einem Science Fiction-Projekt, bei dem es um die Besiedelung einer neuen Welt geht. Man darf gespannt sein, was daraus wird. Michael Marcus Thurner hat sich bei uns offenbar meistenteils wohl gefühlt und seine Eindrücke auf seiner Website veröffentlicht. Eines kann man dort nicht so genau sehen: Unsere beiden literarischen Ehrengäste teilen die selbe Vorliebe für Motto-T-Shirts. Wichtig ist eben immer das Textliche. Auch uns hat Michaels Besuch in Dortmund Freude gemacht und Appetit darauf, noch mehr aus seiner Feder zu lesen.

Was sonst noch geschah

Schwertkampf-Demonstration …Schwertkampf-Demonstration …
Foto: Peter Fleissner
Unsere Besucher haben von einer halbvulkanischen Wissenschaftlerin namens T’Lara etwas über Aliens in den Ozeanen unter dem Eis des Jupitermondes Europa erfahren. Sie haben die Fantasy in der Musik, Science Fiction in der Techno-Musik und Musik in Hörspielen kennen gelernt. Das Subgenre Steampunk hat sich allein in drei Programmpunkten abgebildet. Die Raumfahrt war mit der ISS und den kommerziellen Aktivitäten verschiedener Konzerne vertreten. Es gab einen Vortrag zum medizinischen Fortschritt, der dem Vernehmen nach eine reale Zusammenarbeit zwischen einem Max-Planck-Institut und einem Krankenhaus in Bezug auf neue Techniken der Sterilisation angeregt hat. Das wäre das erste Mal, dass der DORT.con als kleine Wissenschaftsmesse funktioniert hat! Weitere Programmpunkte haben sich mit Ray Bradbury, Fan-Filmen, SF aus anderen Erdteilen, alten und neuen Heftserien und der Zukunft der wieder gegründeten Science Fiction-Times beschäftigt. Der Fimo-Workshop, bei dem Aliens selbst geknetet werden konnten, war ein unerwarteter Erfolg für große und kleine Teilnehmer. Unsere beiden Fecht-Experten Lars Adler und Stephan Wonzcak haben das Publikum schon bei der Eröffnung mit ihren Künsten überrascht. Ihr Programmpunkt „Sword Fiction“ am frühen Samstag-Abend, den sie in einer coolen „Matrix“-Aufmachung bestritten wurde ebenfalls zu einem Hit. Und dann gab es wieder den Poetry-Slam! Im diesemaligen Team-Duell „Poeten gegen Fans“ ging es um Nerds und Menschen die gerne welche wären, ausgesetzte Raumfahrer, verwüstete Wohnungen, um den Anruf des Imperators beim E-Bay-Kundenservice, und das Verschenken von Zeit. David Grashoff hat mit seiner Liebeserklärung an sein „kleines Nerd-Mädchen“ für Verzückung gesorgt und dazu beigetragen, dass die Poeten den Abend für sich entscheiden konnten. Letztlich aber hat Michael Heide in der Einzelausscheidung seinen Titel verteidigt und die Trophäe, den „roten Horst“, ein weiteres Mal mit nach Hause genommen. Gelungen ist ihm das am Schluss mit nichts weniger als der effektvollen Androhung eines Massenmordes, die für Gänsehaut gesorgt hat.

Die Besucherzahl des DORT.con ist auch dieses Mal leicht gestiegen. 264 waren es insgesamt. Das Echo ist bereits wenige Tage nach dem Event überwiegend positiv ausgefallen. Das Team fühlt sich in seiner Arbeit bestätigt und wird weiter anstreben, im Jahr 2017 den Eurocon nach Dortmund zu holen.

Gibt es hervorragende Vertreter der Spezies Homo Sapiens, deren DNA sich eignen würde, den Menschen der Zukunft zu erschaffen? Moderator Arno Behrend hat dem Grafik-Ehrengast Stas Rosin bei der Abschlussveranstaltung das letzte Wort überlassen. Der entlarvte das wissenschaftliche Projekt als völlig überflüssig. Die Menschen der Zukunft, sagte er, und deutete dabei auf das Publikum, seien doch schon da. Dem war nichts ist nichts hinzuzufügen.

Externe Berichte

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Berichte & Blogeinträge

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Zitate

Danke euch für alles! Es war wie immer sehr schön auf dem DORT.con
Simone Edelberg

Wo Con? Dort.con!
Wie schon erwähnt, war ich das Wochenende über in Dortmund auf dem Dort.con mit einem Stand der Edition Phantasia vertreten - wie alle zwei Jahre. Und der "Ausflug" hat mir und meiner Frau ermöglicht, uns die wunderschöne Winsor-McCay-Ausstellung anzusehen, die zufälligerweise gerade dort stattfindet. Sehr empfehlenswert.
Für mich war es wieder eine rundum schöne Veranstaltung. Ich habe sehr nette neue Kollegen kennengelernt und Freunde gefunden, darunter Steffen Janssen vom Luzifer Verlag, Harald Giersche vom Begedia Verlag, und Axel Weiß, und zahlreiche alte Freunde und Kollegen getroffen, die ich leider viel zu selten sehe … Ernst Wurdack und seine Frau, Dirk van den Boom, Hardy Kettlitz, Christian Hoffmann, Michael Plogmann, Guido Latz, Reinhard Rauscher, Peter Alsdorf, Bernd Robker, und, und, und … ich bitte um Verzeihung, wenn ich nicht alle namentlich aufführen kann.
Ich wollte die Gelegenheit nutzen und mich auch für die zahlreichen Besuche von Kunden der Edition Phantasia bedanken, für die netten und interessanten Gespräche und das Interesse am Programm meines Verlages … und natürlich für das Lob, das man immer wieder gern hört! ;-)
Ich kann - wie jedes Mal - ein rundum positives Fazit der Veranstaltung ziehen und werde beim nächsten Mal (sofern nicht wieder irgendein obskurer Weltuntergang dazwischenkommt) sicher wieder dabei sein.
Edition Phantasia

Es war großartig!!!
Eduard Eversberg

Bei aller Kritik, ich bin und bleibe froh darüber, dass ein paar Leute das Heft in die Hand nehmen und etwas auf die Beine stellen.
Frank Hermanns

Auf dem DortCon war es wieder sehr nett und gemütlich. Vielen Dank an die Veranstalter! Meine Lesung lief gut. Und ich habe wieder eine Menge interessanter Autoren und überhaupt netter Menschen getroffen.
Ju Honisch

Ich habe mich auf dem Dortcon mal wieder rundum wohlgefühlt! Dank an alle, die das möglich gemacht haben!
Bernhard Kempen

Woanders wurde ja schon förmlich gedankt. Ich sag hier nur noch privat kurz und bündig: DORT.con 2013 war geil. :-)
Roger Murmann

I'm impressed. You're only the third convention ever to spell my name right!
Feòrag NicBhrìde

Ich bin dabei im Normalraum anzukommen, nachdem ich zwei erlebnisreiche Tage beim Dortcon verbrachte. Noch sind nicht alle Bücher ausgepackt und nicht alle neuen Kontakte eingeordnet. Mein Dank den Unermüdlichen!
Sabine Seyfarth

Wir möchten uns bei den Machern des DORT.con für eine äußerst gelungene Veranstaltung bedanken. Ihr seid einer der wenigen Cons, die tapfer und erfolgreich die Fahne der Literatur hochhalten und beweisen, dass die spannendste und vielfältigste Phantastik nicht auf dem TV-Schirm, sondern immer noch zwischen zwei Buchdeckeln stattfindet. Auf ein Neues 2015 … und dann direkt zum EuroCon 2017. :-)
SFCD e.V.

Gerade eben vom DortCon zurückgekommen … boahhh, was`n Spaß! Insgesamt ja eher eine intellektuelle Veranstaltung für die lesenede SF-Gemeinde. Viele gute Vorträge, nette Leute, super Orga. Allein schon der SF-Poetry-Slam hat die gesamte Anreise gelohnt. Und dann war da noch die Sache mit der Schwertkampf-Einlage … ob da wohl noch irgendwo Photos oder Videos auftauchen?
Ich freue mich dann schon auf den nächsten Con und vileleicht den Euro-Con in Dortmund.
Bettina Wurche