Ehrengäste 2011

Charles Stross

Charles StrossCharles Stross.
Foto: Szymon Sokół
Der 1964 im britischen Leeds geborene Autor hat eine Vision. Die atemberaubende und letztlich bedrohliche Beschleunigung der technischen Entwicklung, die unter anderem von Vernor Vinge unter dem Begriff „Singularität“ vorhergesehen wurde, wird in seinen Büchern zur Bühne für verstörende Ereignisse. Dabei versteht er es, den Leser mit auf die Reise zu nehmen, in eine Welt, in der scheinbar unveränderliche Grundfesten unserer Gesellschaften längst variable Verfügungsmasse geworden sind.
Menschen können sich verdoppeln und vervielfachen, sie können sterben und beliebig oft wieder auferstehen, sie können sich in Tiere oder Maschinen verwandeln, weibliche oder männliche Körper annehmen, ihr Gedächtnis verlieren oder mit einer neuen Identität programmiert werden. Der eigene, genau definierte Standort ist eine Illusion in einer Welt, in der man bei Durchschreiten einer Tür Lichtjahre durchmisst, ohne es zu merken.
In dieser Welt wäre ein Mensch der heutigen Zeit hilflos. Genauso würde es dem Leser ergehen, wenn es Charles Stross nicht gelingen würde, passende Brücken zu bauen. In Accelerando beginnt die explosive Entwicklung der Technik in unserer Zeit und bleibt für den Leser Schritt für Schritt nachvollziehbar. In Glashaus nehmen die in ferner Zukunft lebenden Hauptpersonen an einem Experiment teil, bei dem es darum geht, die Lebensverhältnisse in unserer „rückständigen“ Zeit zu erforschen. In Singularität steht eine menschliche Kolonie im Mittelpunkt, die auf den technischen Stand des 19. Jahrhunderts zurückgefallen ist. Sie erlebt einen Kulturschock, als eine fortgeschrittene Zivilisation auf ihrem Planeten Telefone abwirft.
Es sind außergewöhnliche Ideen wie diese, die Charles Stross zu einem der besten Science Fiction-Autoren unserer Zeit machen. Ständig bleibt er den zukünftigen technologischen Umwälzungen auf der Spur, die die Menschheit vielleicht nicht vernichten aber möglicherweise in eine völlig andere Lebensform umwandeln werden. Dabei versteht er sich auch auf zeitnahe Szenarien: Wenn er in Halting State die Probleme beschreibt, die sich einer Kriminalistin in einem unabhängigen Schottland bei der Bekämpfung von Cyber-Kriminellen stellen, beeindruckt er mit der Schilderung von polizeilichen Rechrechen, die so in 20 Jahren Wirklichkeit sein könnten. In Accelerando dagegen reicht sein Weitblick bis zum Matroschka-Gehirn, einer ineinander verschachtelten Anordnung mehrerer Dyson-Sphären, die eine maximale Energie-Ausbeute zum Betrieb eines gigantischen Computers zur Verfügung stellen. Dieser Superrechner soll das Bewusstsein von Menschen in sich aufnehmen können, die in einer von ihm geschaffenen Simulation leben können. Schließlich soll die gesammelte Energie für eine Manipulation des gesamten Universums genutzt werden.
Stross überzeugt, egal ob er sich mit der nahen oder mit der allerfernsten Zukunft beschäftigt. Nach dem Urteil zahlreicher Rezensenten schreibt er die modernste Science Fiction unserer Zeit. Mit ihm gemeinsam einen Blick in seine Welt zu werfen, dürfte damit zum Aufregendsten gehören, was eine Science Fiction-Convention Ihrem Publikum bieten kann.
Mehr Information über Charles Stross gibt es auf seinen Webseiten unter http://www.antipope.org/.

Leo Lukas

Leo Lukas.<br />Foto: Bettina LetzLeo Lukas.
Foto: Bettina Letz
Man stelle sich mal vor, Joschka Fischer wäre heute ein erfolgreicher Kabarettist und Autor von Perry Rhodan-, Atlan- und Shadowrun-Romanen! Klingt das absurd? Leo Lukas dürfte wohl nichts dabei finden. Wenn man über ihn bei Wikipedia nachliest, erfährt man als Erstes, dass er Anfang der 80er-Jahre sowohl Gründungsmitglied als auch eine der Leitfiguren der steirischen Grünen gewesen ist. Dann hat sich der 1959 in Köflach geborene Lukas Dingen zugewandt, die offenbar unterhaltsamer sind. Journalist bei der Grazer Kleinen Zeitung ist er gewesen, erst in der Lokal- und dann – wen wundert’s – in der Kulturredaktion. Seit 1984 ist Leo Lukas hauptberuflicher Kabarettist, der eigene Texte mit Gitarre, Akkordeon und noch viel seltsameren Instrumenten begleitet. Sein Stil wird als sehr eigenständig beschrieben. Satirische und experimentelle Gedichte gehören genauso zu seinen Ausdrucksmitteln wie Chansons, Tanz, Pantomime und Performance. Damit hat der Jazz-Liebhaber der österreichischen Kleinkunstszene eine musikalische Bandbreite erschlossen, die es so vorher nicht gegeben hat. Der wichtigste deutsche Kleinkunstpreis, der „Salzburger Stier“, verliehen von ARD, ORF und SRG, war schon dreimal in Folge der Lohn.
Wie gut, dass er in seiner Jugend außerdem noch andere abseitige Vorlieben kultivierte. Wäre dem nicht so, gäbe es heute nicht über 40 Perry Rhodan- und Atlan-Romane aus seiner Feder. Auch der Shadowrun-Roman Wiener Blei wäre wohl kaum erschienen. Diese düstere Zukunftsvision vor dem Hintergrund der Donau-Metropole dürfte die Eintrittskarte in das Perry-Rhodan-Universum gewesen sein. Von Jugend an hat Leo Lukas die Serie als begeisterter und trotzdem kritischer Leser verfolgt. Dann kamen der Anruf aus Rastatt und die Erfüllung eines Jugendtraums, wie der Autor selber sagt. Die Astronautische Revolution war der erste PR-Roman aus seiner Feder. Das Gastspiel wurde zum Dauerjob.
Kein Wunder, dass die von ihm verfassten Episoden durch ihren Humor auffallen. Wenn Rezensenten seinen Kabarettstil beschreiben, fällt ihnen auf, dass Leo Lukas nicht thematisch-logisch sondern rhythmisch-assoziativ vorgeht und dass seine oft schmerzhaft genauen textlichen Miniaturen untereinander überraschend vernetzt sind. Ähnliches gelingt ihm in den Romanen, in denen die Übergänge zwischen den verschiedenen Passagen auf verblüffende Weise miteinander verzahnt werden. Außerdem gelingt es ihm, alte wie neue Figuren als blutvolle Charaktere zu schildern die lachen, leben und leiden. Der Atlan- und Perry-Rhodan-Reihe konnte kaum etwas Besseres passieren, als das Interesse dieses begabten Künstlers zu erwecken.
Wie lebt es sich in der Doppelrolle als Heftroman-Autor und gefeierter Kleinkünstler? Wie viel Komik verträgt die größte Science Fiction-Serie der Welt und wie viel ihre Leser? Interessiert sich ein hauptsächlich satirisch arbeitender Autor auch für die Technik? Welche neuen Figuren und Ereignisse sind denkbar? Und wird es Science Fiction von Leo Lukas abseits der Heftreihen geben? Fragen über Fragen – wir wollen sie an unseren deutschen Ehrengast richten und sind schon gespannt auf die Antworten!
Mehr Information über Leo Lukas gibt es auf der Seite http://www.knowme.at/htms_neu/leo/leo_m.htm.

Alexander Preuss …

Alexander PreussAlexander Preuss
… wurde 1974 in Aachen geboren, wo er auch heute lebt und arbeitet. Nach einer Ausbildung im Maschinenbau war er zunächst freischaffender Grafiker. 1996 wurde er Art Director bei der Egosoft GmbH. Nach einem vierjährigen Zwischenspiel in der Welt des Industriedesigns bei der Image Arts GmbH kehrte er wieder zu Egosoft zurück und ist dort heute wieder als Art Director und Lead Concept Artist tätig.
Der Spiele-Entwickler Egosoft mit Sitz in Würselen ist Urheber der Spielereihe „X“. Diese ist wiederum inspiriert vom Elite-Spiel, das in den 80-er und 90-er Jahren sehr beliebt war. Kennzeichnend ist daher auch für die X-Reihe die Verbindung von Kampf-, Flug- und Wirtschaftssimulationen im Weltraum. Beginnend mit X – Beyond the Frontier, hat Alexander Preuss für die ersten beiden Teile und für den Letzten Teil X3 – Terran Conflict faszinierend klare, detailscharfe und überzeugende Bilder von Raumfahrzeugen und fremden Welten geschaffen. Vor allem ist es ihm gelungen, mit der Qualität seiner Arbeit für internationale Aufmerksamkeit zu sorgen.
2005 gewann Alexander Preuss mit der Grafik „The Broken Armistice over Abalakin“ den 15. Wettbewerb der CG Society – des internationalen Verbands der Digital-Grafiker – zum Thema „Space Opera“. Für das sensationelle Bild „Finishing Line“ gab es 2006 in Deutschland den Animago Award. 2008 gewann Alexander Preuss mit „Return to Abalakin“ den Space Settlement-Wettbewerb der amerikanischen National Space Society. Auch der britische Science Fiction-Club BSFA würdigte die Arbeit des Grafikers mit einer Preisnominierung für dieses Bild. Konsequent erschienen Reproduktionen und Artikel in deutschen und internationalen Fachzeitschriften. So wurde das Zustandekommen von „Finishing Line“ in der Ausgabe 44 des Advanced Photoshop-Magazins dokumentiert. Aufträge von außerhalb der Spiele-Industrie gingen ein, so z. B. von Bastei-Lübbe. Für die Interplanar-Production fertig Alexander Preuss inzwischen die Titelbilder der Mark-Brandis-Hörspiele an.
Die hohe Qualität der Bilder, die visionäre Darstellung von Technik und Raumfahrtmotiven und nicht zuletzt die enorme internationale Anerkennung haben das DORT.con-Komitee erstmals bewogen, einen Grafik-Ehrengast zu benennen, der aus dem Bereich der Computerspiele kommt. Seine Bilder werden mit Sicherheit viele Con-Besucher in Erstaunen versetzen und ihre Aufmerksamkeit erstmals darauf lenken, wie viel hochwertige Arbeit in diesem Bereich geleistet wird. Einen Überblick darüber kann man sich auch auf http://www.abalakin.de/ verschaffen.