Rückblick 2007

DORT.con – unter Freunden

Ein Rückblick von Arno Behrend

Der diesjährige DORT.con hat sicher von seinem dichten Programm, vor allem aber von seinem zugeneigten Publikum profitiert. Die mittlerweile etablierte Veranstaltung wird von vielen Wiederholungsbesuchern scheinbar so geschätzt, dass für Missklänge kaum Platz bleibt. Mit den drei Ehrengästen haben wir diesmal schlichtweg Glück gehabt.

Pech für den Pianisten

Nancy Kress liest …Nancy Kress liest …
Foto: sf-fan.de/Olaf Funke
Nancy Kress ist ein gnadenlos charmanter und sympathischer Mensch. Ihre Sachkenntnis ist bestechend. Über ihre schreiberischen Künste braucht man keinem Con-Besucher etwas zu erzählen. Einen geeigneteren Ehrengast kann man sich nur schwer vorstellen.
Kaum in Köln dem Flugzeug entstiegen, bewies Nancy uns, dass sie zu den neugierigen und weltoffenen Amerikanern gehört. Den Kölner Dom kannte sie schon, wollte ihn aber unbedingt noch einmal sehen – trotz Jetlag. Ihre Faszination für Kirchen und „wirklich“ alte Gemäuer teilt sie mit früheren Gästen wie Alan Dean Foster. Dies ist wohl nur zu verständlich, wenn man aus einem Land mit einer deutlich kürzeren Geschichte kommt. Nachdem sie lange genug durch das Kirchenschiff gewandelt war, wollte Nancy unbedingt auf die Spitze des Turms steigen. Nach einigen zig Metern Höhenunterschied geriet dieser feste Entschluss aber ins Wanken. „Ich könnte der zweite Ehrengast sein, der auf einem Con stirbt“, orakelte die erschöpfte Autorin und spielte dabei auf John Brunner an. Ich widersprach heftig und versprach ihr, dass die enge Wendeltreppe nicht mehr viele Stufen haben würde. Schließlich gelangten wir bis ganz nach oben und genossen die Aussicht. Den Muskelkater in den Beinen hat mir Nancy aber den ganzen Con über vorgeworfen.
Im Interview auf der Veranstaltung erfuhren wir, wie die junge Nancy in dem verschlafenen Nest East Aurora in Staate New York zur Science Fiction kam. Die Schulbibliothek hatte dazu nichts beigetragen. Mädchen hatten dort nur Zugang zu Fantasy, die Science Fiction war den Jungen vorbehalten. Nancys erster Freund war ein junger Pianist, der ihr gerne vorspielte. Ihr Job, so die Autorin, hätte sein sollen, den Künstler anzuschmachten, während sie elegant hingegossen über dem Instrument lag. Stattdessen verirrte sich die nach eigenen Angaben völlig unmusikalische Schriftstellerin in spe in die Bibliothek des jungen Mannes und entdeckte dort Heinlein und Asimov. Die Liebe zur Science Fiction flammte auf, während jene zum Musiker rasch abflaute.
Nancy Kress schrieb und verkaufte ihre ersten Storys Mitte der Siebziger Jahre. Ihre bisherige Karriere als Lehrerin und Werbetexterin gab sie aber erst ab 1990 auf, als gerade rechtzeitig „Beggars in Spain“ erschien. Ihre berühmteste Novelle verdankt ihre Existenz dem Neid Nancys auf die Fähigkeit anderer Menschen, in jeder Lebenslage genug Schlaf zu bekommen. Von Anfang war der Autorin klar, dass ihr die sozialen Aspekte ihrer Spekulation weit besser gefielen, als die wissenschaftlichen. Statt die Neuentwicklung an schädlichen Nebenwirkungen oder ähnlichem scheitern zu lassen, wie es sicher viele ihrer Kollegen getan hätten, beschrieb sie, wie das in „Schläfer“ und „Schlaflose“ geteilte Amerika auf einen neuen Bürgerkrieg zusteuert.
Das generelle Thema ihres Klassikers fasziniert die Autorin noch immer. „Die Veränderung des Erbguts hat schon begonnen“, warnte uns Nancy im Interview. „Zuerst wird es darum gehen, Erbkrankheiten und genetische Risiken auszuschalten. Von da ist es nicht mehr weit bis zur Manipulation von etwas so scheinbar harmlosen wie der Körpergröße. Und dann?“ Nancys Schilderungen zufolge hat die Gentechnik in den USA so große Fortschritte gemacht, dass große Umwälzungen unmittelbar bevorstehen.
Wie man Spekulationen darüber in Literatur einfängt, ist ein Prozess, den Nancy in ihrem eigenen Fall bis heute nicht ganz durchschaut hat. Ein Exposée oder einen festen Plan gibt es für sie nicht, wie sie dem verblüfften Publikum erklärte. Sie empfiehlt eine derartig sorgfältige Vorbereitung in Schreibseminaren für Nachwuchstalente, wendet sie selbst aber nie an. „Ich lasse meine Figuren einfach mit der Story loslaufen und warte ab, was sie damit anstellen.“ Gegen diese Einstellung hat ihre befreundete Kollegin Connie Willis regelrecht empört protestiert: „Deine Figuren können nicht mit der Story davon laufen. Du schreibst sie und hast die Kontrolle.“ Nancy aber besteht darauf, dass diese Schreibtechnik für sie am Besten funktioniert. Und wer wollte ihr bei Ihrem Erfolg widersprechen?

Kein Kai aus der Kiste

Kai Meyer im Interview.Kai Meyer im Interview.
Foto: Britta Burmester
Kai Meyer ist wahrscheinlich der angenehmste Interviewpartner, der je auf dem DORT.con über sich Auskunft gegeben hat. Eine Frage reicht, um ihn eine Viertelstunde lang höchst interessant, flüssig und unterhaltsam sprechen zu lassen. Dabei scheint es ihm ein diebisches Vergnügen zu sein, Illusionen platzen zu lassen.
So haben wir bereits in der Ankündigung des Cons seine mutmaßlich intensiven Recherchen gelobt, die es ihm erlaubt haben, Goethe, Schiller und die Gebrüder Grimm in Die Geisterseher auftreten zu lassen. Tatsächlich gestaltet Kai diesen Teil seiner Arbeit sehr ökonomisch. Er findet einfach nur heraus, was er gerade wissen muss und mehr nicht. Schmale Fakten als gut fundiert zu verkaufen, hat er bei der BILD gelernt, wie er freimütig zugibt. Debatten, bei denen es darum geht, wie viel Gewalt man dem jugendlichen Publikum zumuten kann, amüsieren den Autor höchstens. „In meinen letzten Jugendbüchern wird gestorben, dass es nur so kracht“, hört man da vom Interviewgast. Oder: „Wenn jemand ein Schwert dabei hat, muss er mal etwas damit abhacken.“ Letztlich ist es dem Autor aber schon wichtig, dass Action durch die Handlung motiviert wird. In seinen Romanen siegt im Allgemeinen das Gute. „Es bleiben aber immer Spuren zurück“, fügt er hinzu, „das ist mir wichtig.“ Zuckersüße Märchen-Schlüsse sind sein Ding nicht. Und dem Argument des Autors, dass die brutalen Schlachten im Herrn der Ringe den jugendlichen Lesern offenbar nicht geschadet haben, ist wenig entgegenzusetzen. Spaß scheint für Kai im Vordergrund zu stehen, wenn es um Geschichten geht. Er liest gerne Science Fiction, hat etliche Bücher des Genres zu Hause und mag es am liebsten, wenn im All geballert wird. Er weiß, was ihm selber gefällt und kann Trends riechen. Als er ein Piratenbuch machen wollte, rieten ihm alle ab. Dann kam Fluch der Karibik und sorgte dafür, dass sein Roman in den USA unter dem Titel Pirate Curse auf den Markt geworfen wurde.
Kais literarische Produktion ist sehr diszipliniert. Anders als Nancy Kress schreibt er nach einem vorher entwickelten Exposée und muss fast nie wegen Unklarheiten in der Handlungsführung inne halten. Und dennoch ist es nicht allein die vordergründige Unterhaltung, die diesen Autor antreibt, auch nicht die Produktion von Dutzendware.
Das Buch, das Kai Meyer selbst am liebsten mag, ist Das zweite Gesicht, ein Roman, in dem die deutschsprachigen Phantasten der Zwanziger Jahre, wie Gustav Meyrink und Franz Kafka als handelnde Personen auftreten. Es ist zugleich das Buch, das sich am Wenigsten verkauft hat. Selbst wenn er dies erzählt, wirkt Kai nicht so, als müsse er eine große Tragödie ausmalen. Dank seines Talents kann er von dem leben, was er am liebsten tut. Der Erfolg hat ihn unabhängig gemacht, wie er selbstbewusst erklärt. Dieser offene, sympathische und zweifellos professionelle Autor kennt weder falsche Bescheidenheit noch Arroganz. Seine Bücher machen Spaß, weil er schlichtweg schreibt, was ihm Spaß macht. Selbst Nancy Kress fühlte sich während des Fluges über den Atlantik bestens unterhalten, als sie eine Übersetzung eines seiner Romane las. Und das hat sie ihm auf DORT.con auch gerne erzählt. Wir haben das Publikum sehr gerne auf Das zweite Gesicht hingewiesen. Gespannt sind wir darauf, was Kai Meyer wohl als nächstes einfallen wird, um sein Publikum zu fesseln.

Im Rausch der Pilze

Sylvia und Mario Moritz.Sylvia und Mario Moritz.
Foto: Britta Burmester
Unser Grafik-Ehrengast wirkt meistens sehr ruhig, ausgeglichen, oft sachlich, obwohl er auch gerne lacht. Was wir über die Entstehung seiner faszinierenden Bilder erfahren haben, lässt auf einen pragmatischen Menschen schließen. Immer allerdings, wenn die Ruhe seine zweite Natur geworden zu sein scheint, blitzt ganz kurz sein Schalk auf, um für einen trocken-humorigen Spruch zu sorgen.
Mario sieht sich mehr als Modellbauer denn als Künstler. Mit der Software „Bryce“ kann er Objekte in allen drei Raumdimensionen entwerfen und falls nötig auch vervielfältigen. Schlicht malen tut er durchaus per Hand. Am Rechner lernt er dies nach eigenen Worten erst, indem er Photoshop anwendet. Wenn man ihn nach ganz bestimmten wiederkehrenden Formen fragt, bekommt man auch eine Antwort. Die häufig erscheinende Pilzform integriert er zum Beispiel in seine Bilder, weil er in einer Armeesiedlung am Waldrand aufgewachsen ist und dort passende Vorbilder gesehen hat. Dass er dort damals Feen gesehen haben soll, ist ein Gerücht. Wahr hingegen ist sein Engagement für den örtlichen Kindergarten in seiner Heimatstadt Cottbus. Für die Einrichtung fertigt er Bilder mit Märchenmotiven an.
Dass unser Gast so ruhig und zurückhaltend geblieben ist, verwundert umso mehr, als er auf so vielen Gebieten mit Talent zu Werke gegangen ist. Neben den vielen Titelbildern für Kleinverlage gibt es die Kurd-Laßwitz-Nominierung für die Kurzgeschichte „Die letzte Bioform“, Kompositionen, Gesang und die kreative Zusammenarbeit mit dem Cottbuser Planetarium. Und wenn er über dies alles ganz ruhig berichtet hat, kann man wieder in Ruhe seine Bilder betrachten, die mehr sagen als tausend erklärende Worte. Für unsere Ausstellung haben wir ihn gerne nach Dortmund geholt, damit möglichst viele Fans sie bewundern können.

Neuer Wein in sanierten Schläuchen

Arno Behrend und Hanno Schreiber.„Superfan“-Sieger Hanno Schreiber wird von Arno Behrend bei einer getragenen Rede unterstützt.
Foto: Britta Burmester
Von allen Programmelementen, die diesmal auf dem DORT.con außerdem gelaufen sind, werde ich die Samstagabend-Show wohl nie vergessen. Mittlerweile trifft sich in Dortmund ein treues und leicht zu begeisterndes Publikum, das bei der Show wunderbar mitgegangen ist. Angeregt durch die vielen Casting-Shows im Fernsehen haben André Diehl und meine Wenigkeit fünf handverlesene Kandidaten durch Aufgaben gejagt, bei denen sie singen, tanzen, schreiben, vortragen und zeichnen mussten. Hanno Schreiber hat schließlich den Sieg davon getragen. Durch eine anfängliche Führung konnte er sich immer wieder die besonders dankbaren Aufgaben des freien Vortrags sichern (Hamlet auf Klingonisch, vogonische Gedichte, Der Herr der Ringe als Gesundheitsreform, etc.). Achim Sturm gehörte zu den Unterlegenen, obwohl er die beste Fankurve der Welt zur Unterstützung hatte. Das süddeutsche Fähnlein hatte das Schwergewicht aus Uelzen kaum auf die Bühne geschoben, als schon die lautstarke Unterstützung mit Sprechchören, LaOla-Wellen und improvisierten Transparenten begann. Und beim Lied „Steh auf, wenn Du für Achim bist …“ blieb mir auf der Bühne vor Verblüffung für einen Augenblick die Spucke weg. Die maßgeblich von André entwickelten Spiel-Elemente hielten das Publikum und die Kandidaten viel länger bei bester Laune, als wir gedacht hatten, so dass wir uns um eine Stunde verspäteten, ohne dies überhaupt zu merken. Damit fiel der neu erdachte Programmpunkt „Fans lesen für Fans“ erst einmal flach. In zwei Jahren versuchen wir wieder, ihn zu starten.
Ebenfalls neu aber viel erfolgreicher war die Filk-Schiene. Dass wir nach schlechten Anfangs-Erfahrungen aus den letzten Jahren
Der Orion-Tanz.Kandidaten und Moderatoren ahmen unter den gestrengen Blicken der Jury den Orion-Tanz nach.
Foto: sf-fan.de/Markus Wolf
der Musik einen so breiten Raum gegeben haben, war nicht selbstverständlich. Mit einer ganzen Gruppe von Musikern anzutreten, erwies sich als die richtige Strategie. Das Konzert im Vorfeld der Show und der Auftritt in der Cafeteria am Sonntag waren erfolgreich. Nicht nur das Publikum, auch die Musiker äußerten sich sehr zufrieden. Vor allem hat sie die neue Sound-Anlage im Kino-Saal beeindruckt. Überhaupt hat den Besuchern die Sanierung des Fritz-Henßler-Hauses sehr gefallen.
Wir hatten diesmal ungewöhnlich viele Lesungen und konnten nicht davon ausgehen, dass sie so gut besucht sein würden. Aber tatsächlich haben auch die vortragenden Autoren sich nicht anders geäußert. Scheinbar macht es Sinn, mit einer großen Zahl an Lesungen für eine „kritische Masse“ zu sorgen.
Schließlich gab es noch die wissenschaftlichen Programmpunkte über den Weltraumfahrstuhl aus Recklinghausen, die Herstellung von Wasserstoff aus Biomasse und das NASA-Programm, die alle gut besucht waren. Auch hier sind wir in dem einen oder andern Fall ein Risiko eingegangen und konnten hinterher in zufriedene Gesichter schauen. Die vielfältigen Programmpunkte von Life on Mars über den Neustart der Science Fiction Times, die Thunderbirds und Perry Rhodan bis zu Podcasting haben die Gänge frei gehalten.
Die Händler in der Bücherbörse haben gute Geschäfte gemacht. Als optischen Anziehungspunkt haben wir ihnen diesmal eine experimentelle Raumschiffbrücke á la Star Trek zur Seite gestellt, die sich auch viele mit Interesse angesehen haben. Vermittelt wurde dies durch unsere Zusammenarbeit mit der Dark Side Con.
Die Nachwuchsförderung ist der Teil, der uns weniger Freude gemacht hat. Der Schülerwettbewerb hat zwar eine Reihe von interessanten Bildern ins Con-Gebäude gebracht. Die jungen Künstler waren aber gleich nach der Siegerehrung wieder verschwunden, obwohl wir extra für sie Programm vorbereitet hatten. Um das jüngere Publikum anzusprechen, müssen wir uns wohl noch andere Dinge einfallen lassen.

Fazit

Allgemein hat dieser DORT.con viel mehr Spaß gemacht als der letzte, auch wenn er für das Komitee in mancher Hinsicht wieder fordernd war. Dass wir wieder antreten werden versteht sich beinahe von selbst. Das diesjährige Niveau zu halten oder gar zu übertreffen, wird allerdings keine leichte Aufgabe sein.

Externe Berichte

Hier sammeln wir Verweise zu den im Web verstreuten Berichten und Fotogalerien. Wenn ein Eintrag fehlt, bitte kurze Nachricht an den Webmaster (siehe Impressum & Kontakt).

Fotogalerie im Blog von khaanara und bei sf-fan.de

Fotogalerie von Florian Breitsameter

Artikel in den Ruhr-Nachrichten (in der Print-Ausgabe waren auch zwei Fotos).

Fotogalerie von Britta

Videos bei YouTube

Helgas galaktische Funkbude:
Bilder vom DORT.con 2007
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Blog von Thorsten Küper

Foto-Bericht von Sam Smiley

Blog von Dirk van den Boom, erster Teil, zweiter Teil und dritter Teil.

Blog von Uwe Post

Blog von Martin Kay

Blog von Falko

Blog von Nadine Boos

Bericht bei Phantastic-News

Blog von Nadine

Bericht im FO 214 (PDF, 1.43 MB)

Fotos von Michael Baumgartner

Bericht vom TCE