Rückblick 2003

Wenn der Niven zweimal landet

Ein subjektiver Bericht von Arno Behrend

Das bescheidene Genie

Larry NivenLarry Niven
Quelle: SF-Fan.de
Wenn man einen Autor zum Con einlädt, dessen Bücher man als Teenager verschlungen hat, ist man natürlich sehr gespannt auf das erste Zusammentreffen. Wenn sich dann herausstellt, dass der Ehrengast nicht aus der Maschine steigt und auch nicht für den Flug gebucht ist, kann das leicht verunsichernd sein. Anders ausgedrückt – als Mitveranstalter, der 12 Monate Vorbereitungszeit hinter sich hat, beschleicht einen das Gefühl, dass das Event gerade dabei ist, eine Riesenpleite zu werden. Gottseidank hatte Larry Niven nur den Anschlussflug in Chicago verpasst. Weil die Dolmetscherin Daniela Sauerbier und ich noch den drei Stunden später ankommenden Direktflug aus Los Angeles abwarteten, konnten wir von den Nivens ausgerufen werden, als sie schließlich mit einer Maschine aus London eintrafen. Selten habe ich eine Steinlawine so laut vom Herzen kullern gefühlt.
Es ist schwer die Großartigkeit der Ringwelt und anderer Gedankengebäude aus der Feder des kalifornischen Autors mit seiner Person in Übereinstimmung zu bringen. Wenn er vor einem steht, sieht man einen sehr freundlichen und sympathischen älteren Herren mit einem harmlosen jungenhaften Humor. Niven ist als Sohn reicher Eltern geboren und hat in Kalifornien Mathematik studiert. Aus einer akademischen Karriere wurde nichts, nachdem er einen Buchladen mit Stapeln alter Science Fiction-Bücher gefunden hatte. Zu den Vorbildern, die er in jener Zeit auserkor, gehörten die Großen jener Zeit, Heinlein, van Vogt, zum Teil Asimov. Als er selbst anfing, Ideen zu entwickeln, kam ihm seine wissenschaftliche Ausbildung selbstverständlich zu Gute. So konnte er sich eine exakte Vorstellung von der Ringwelt machen, jenes reifenförmigen Kunstplaneten, der im gleichnamigen Roman eine ganze Sonne umspannt.
Dieser Weltentwurf und die Aliens, die sich in dem Roman tummeln, haben seitdem Tausende von Menschen fasziniert. Niven merkt das bis heute, wenn in E-Mail-Foren beispielsweise diskutiert wird, wie sich die Ringwelt verbessern ließe oder ob bestimmte Protagonisten zusammen Kinder haben könnten. Er selbst hat unter seinem eigenen Namen an solchen Diskussionen teilgenommen, hatte es aber schwer, zu beweisen, dass er wirklich der Autor des Buches ist. Einen Ringwelt-Film wird es in nächster Zeit leider nicht geben. Der Inhaber der Filmrechte blockiert aus nicht bekannten Gründen die Umsetzung. Die Idee einiger Fans, er könne ja den zweiten Teil Ringwelt-Ingenieure verfilmen lassen und dabei mehr oder weniger die selbe Geschichte erzählen, will sich der Kalifornier durch den Kopf gehen lassen.
Kaum ein Autor hat so intensiv mit Kollegen zusammengearbeitet wie Larry Niven. Die Methoden der Kooperation waren dabei unterschiedlich. Mit seinem häufigsten Partner, Jerry Pournelle, hat er tatsächlich im selben Raum gesessen, während sie an den verschiedenen Kapiteln schrieben. Ein Umzug der Nivens durfte sie nicht weit von Pournelle und anderen Kollegen wegführen. Sie wohnen nur Minuten auseinander. Andere Partner hat er dagegen kaum jemals gesehen.
Zur Tagespolitik wollte sich Larry Niven bei uns nicht äußern. Wenn er politisch wurde, dann nur in Bezug auf sein Steckenpferd, die Förderung der Raumfahrt. Dadurch, dass die NASA alles an sich reiße, so Niven, verhindere sie, dass die Raumfahrt durch private Initiativen voran gebracht werde. Das Space Shuttle müsse unsicher sein, weil es sich immer noch um eine Experimentalmaschine handele. Es müsse schneller ein neuer Entwurf her. Die Raumfahrt könne insgesamt voran kommen, wenn man die kommerziellen Chancen betrachtete. Man stelle sich einen kleines Mondauto vor, so der Autor in seiner Eröffnungsrede, das von einem einzelnen Anwender auf der Erde ferngesteuert werde, der dafür bezahlt. Oder einen Mond- oder Marstouristen dessen Erlebnisse durch Cyberspace-Technologie auf der Erde zugänglich werden, gegen Geld natürlich. Solche Ideen kann Niven offenbar am laufenden Band aus dem Köcher ziehen. Sie zeugen davon, wie sehr er sich für die Eroberung des Weltalls begeistern kann.
Dass dieser Mann schon auf vielen Cons war und die Fankultur schätzt, merkt man ihm immer wieder an. Er kennt Star Trek-Schauspieler persönlich, gibt zu, Independence Day zu mögen und kann im Bedarfsfall klingonische Geburtstagsständchen zu Gehör bringen. „Einmal“, so erzählte er uns, „war ich mit einigen anderen Autoren in einem Restaurant, in dem große, furchteinflößende Hummer serviert wurden. Sofort als es vor mir lag, fing ich an, mit dem Tier auf dem Teller vor mir zu reden, die anderen genauso. 'Jetzt kennen wir Eure Truppenbewegungen' war einer der Sätze, die fielen. Wir haben noch am selben Abend einen Friedensvertrag zwischen den Hummern und dem Eisbergsalat ausgehandelt und beide in die Föderation aufgenommen. Seitdem bin ich analog zu meiner Figur 'Sprecher zu den Tieren' aus Ringwelt der 'Sprecher zu den Meeresfrüchten'.“ Was die Aliens gesagt haben, als sie an diesem Abend gegessen wurden, ist nicht überliefert.

In vielen Welten zu Hause

Aliens waren übrigens auch das Thema der Samstagabend-Debatte zwischen den Ehrengästen und dem Publikum. Dabei wurden viele Ideen sehr interessant debattiert, zum Beispiel die Frage, ob das Halten von Haustieren von Intelligenz zeugt oder ob eine intelligente Spezies zwangsläufig auf uns neugierig wäre. Auch unser zweiter Ehrengast hat dabei von seiner wissenschaftlichen Ausbildung profitiert.
Barbara SlawigBarbara Slawig
Quelle: SF-Fan.de
Barbara Slawig ist gelernte Biologin, Tai-Chi-Lehrerin und hat Geschichten unterschiedlicher Genres geschrieben. Näher als die Science Fiction steht ihr der magische Realismus etwa eines Garcia Marquez. Das hat sie nicht daran gehindert, mit Die lebenden Steine von Jargus einen Romanerstling zu schreiben, der Andreas Eschbach zu einer lobenden Würdigung auf dem Cover verleitet hat.
Dabei hat sie unterschiedliche Einflüsse verarbeitet. Die biologischen Debatten in dem Buch nehmen Bezug auf Barbara Slawigs eigene Erfahrungen mit der Engstirnigkeit mancher hochspezialisierten Kollegen. Einen Tai Chi-Lehrer gibt es auch im Roman. Die interessanten, durchweg nicht anglophonen Wortschöpfungen haben mit ihrer Kenntnis des Spanischen zu tun. Das viele Erzählfäden unvollendet bleiben und einige Personen, über die man viel erfährt, gar nicht auftreten, hat die Autorin von bewunderten Kollegen, wie z. B. Peter Hoeg übernommen. Die Personen haben in der Regel kein reales Vorbild sondern sind allein der Phantasie der Autorin entsprungen. Um so bemerkenswerter erscheint, wie lebensecht ihr die männlichen Figuren gelungen sind, vielleicht gerade weil sie von Unterscheidungen in typisch männlich/typisch weiblich nicht viel hält.
Freuen darf man sich, dass der interessante Roman Die lebenden Steine von Jargus nicht das einzige Buch aus Slawigs Feder bleibt, das in diesem SF-Universum spielt. Die Berlinerin will als erstes ein magisch-realistisches Buch fertig schreiben, um sich dann an einen neuen SF-Roman zu setzen. Eine direkte Fortsetzung der lebenden Steine wird es aber nicht werden. Einstweilen ist der Erstling beim Argument-Verlag als Taschenbuch erschienen, unter dem von der Autorin bevorzugten Titel Flugverbot. Erfreut ist Barbara Slawig darüber, wie offen Science Fiction-Fans mit ihrer Prosa umgehen können. „Alle anderen Lesern versuchen immer, jede Einzelheit zu verstehen, und geben auf, wenn das nicht gelingt. Science Fiction-Fans können sich auch dann auf Texte einlassen, wenn ihnen einzelne Dinge nicht sofort klar werden.“

Nichts genaues weiß man nicht

Sascha MamczakSascha Mamczak
Quelle: SF-Fan.de
Zu den Gästen des DORT.con 2002 hatte auch Wolfgang Jeschke gehört, der sich im Zuge dieser Veranstaltung von den Fans verabschiedet hat. Sein Nachfolger als Herausgeber der SF&F-Reihe des Heyne-Verlages ist Sascha Mamczak. Der berufliche Ziehvater Jeschke hat allerdings nicht nur große Fußabdrücke hinterlassen. Mamczak muss seinem Job unter völlig anderen Umständen nachgehen. Nach dem Tod des Verlegers Rolf Heyne wurde das Haus erst von Springer dann von Bertelsmann aufgekauft. Was der jetzige Besitzer, der gerade erst eine SF-Reihe eingestellt hat, nun mit Heyne anfängt, ist völlig unklar. Möglicherweise war es nicht der letzte Verkauf. Vor diesem Hintergrund muss Mamczak um seinen Posten bangen.
„Vieles was einem Wolfgang Jeschke möglich war, kann ich auf keinen Fall mehr machen“, erklärte er uns in einem Interview, das beim Publikum großes Interesse fand. „Wolfgangs besondere Beziehung zu Rolf Heyne reicht bis in die Sechziger Jahre zurück. Der Verleger war zwar kein SF-Fan, hat sich aber darüber gefreut, eine hochqualitative Reihe auf diesem Gebiet zu haben. Da musste nicht jedes Buch scharf durchkalkuliert sein.“
Das „Querfinanzierungs-Objekt“ waren dann die Star Trek-Romane, mit denen genug Geld für alle anderen Bücher zu verdienen war. „Dieser Markt ist aber von heute auf morgen eingebrochen“, so Mamczak. Eine neue Querfinanzierung wird von Bertelsmann nicht gewünscht. Jedes Buch soll sich grundsätzlich selbst tragen. Und das – da waren sich mehrere anwesende SF-Kenner einig – ist für viele hochqualitative SF-Titel aus Amerika oder gar Deutschland schlicht nicht machbar. Es wird keine 15 Titel pro Monat mehr geben, wie in den besten Zeiten der Reihe. Wie viele es nun sein werden, ist noch offen.
„Science Fiction-Romane müssen heute in die Zeit passen“, so Mamczak weiter. „So wie Snowcrash von Neal Stephenson.“ Dann kann man sie auch mal in der allgemeinen Reihe veröffentlichen, ohne das Label „Science Fiction“ draufzukleben. Wenn Deutsche unter den Autoren dieser Bücher sein sollen, müssen sie nach Mamczaks Willen wesentlich besser sein als das, was er gelegentlich auf den Tisch bekommt. Zur Zeit gibt es eben nur einen Andreas Eschbach.
Nach diesem sehr nachdenklichen Interview blieb uns Fans nichts anderes übrig, als dem Herausgeber alles Gute für die Zukunft zu wünschen. Es gab aber auch Stimmen unter den Fans, die äußerten, dass man sich in Zukunft am Besten gleich alles auf Englisch beschaffen sollte.

Von Agenten, Raumfähren und triebhaften Helden

Die multimediale Präsentation von Professor Metin Tolan zur Technik in den James Bond-Filmen ist wieder der große Publikumsmagnet geworden. Der Physiker hat sein Publikum wieder bestens unterhalten. Ein multimedial präsentierter Glanzpunkt war auch der Vortrag zur Serie Farscape und der Fankampagne für ihre Wiederaufnahme. Dem Gelächter des Publikums zur Folge war auch „Das Sexleben der ZBV-Helden“ eine dankbar aufgenommene Spezialität.
Ernst wurde es im Programmpunkt zum Absturz der Columbia. Matthias Pätzold klärte die Hintergründe dieses nunmehr vernachlässigten Themas auf. Eine abgefallener Hitzeschild an einer Flügelvorderkante gilt nunmehr als Verursacher des Unglücks.
Die Autoren Sabine Wedemeyer-Schwiersch, Frank Haubold und Holger Eckhardt waren zufrieden mit ihrer Gemeinschaftslesung, in der sie unterhaltsame Manuskripte präsentieren konnten. Derweil haben fünf Fans im Story-Workshop Geschichten geschrieben, an die sie vorher nicht mal gedacht hatten.
Die Drehorte von Stargate, ???, Maddrax, Bad Earth, Vorurteile gegen Rollenspieler, das Nova-Magazin, das Alien Contact-Jahrbuch, Transmittertechnik, Ganymed TV – alle diese Themen haben sich zu einem interessanten Gesamtprogramm zusammengefügt, dass der Bar und der Bücherbörse Konkurrenz machen konnte.

Wir kommen wieder, keine Frage

Mit 150 statt 190 Besuchern musste der DORT.con in diesem Jahr trotz anhaltender Qualität einen Besucher-Rückgang hinnehmen. Das Komitee hofft, dass ordentliche Mundpropaganda dazu führt, die Besucherzahl wieder zu steigern. Finanziell ist die Sache noch mal gut ausgegangen. Im Frühjahr 2005 werden wir also gut erholt wieder am Start sein.
Die einzelnen Komitee-Mitglieder haben André und ich diesmal in einem Abschluss-Sketch vorgestellt, in dessen Verlauf ich die „ungebetenen Besucher“ in unserer „gemeinsamen Wohnung“ entdecke. Auch dieser Spaß kam wieder gut an. André krönte die Situation mit dem aktuell gewordenen Satz „Make love not war!“ Menschen, denen an der Zukunft gelegen ist, können dem wohl nichts mehr hinzufügen.


Externe Berichte

Weitere Berichte über den DORT.con 2003 gibt es auf folgenden Webseiten:

Conbericht unter sam-smiley.net

Conbericht unter sf-fan.de

Fotogalerie unter sf-fan.de

Bericht im FO 166 (PDF, 848 kB)

Fotos von Michael Baumgartner

Fotos von „Casamonte“

Fotos von Michael Breuer und R. A. Zimmermann

Auf aruula.de findet man einen Bericht und Fotos.


Hier noch ein Artikel aus der Westfälischen Rundschau, erschienen in der Woche nach dem Con:

WR-Artikel