Rückblick 2002

Wie ich lernte, die Bombe zu lieben.

Ein subjektiver Bericht von Arno Behrend

Die Bombendrohung

Das Moderatorenduo Andre Diehl (links) und Arno Behrend auf der Bühne des Kinosaals.Das Moderatorenduo Andre Diehl (links) und Arno Behrend auf der Bühne des Kinosaals.
Am 13. April 2002, kurz nach 11 Uhr, betraten André Diehl und Arno Behrend die Bühne im Kinosaal des Fritz-Henßler-Hauses. Sie erklärten dem perplexen Publikum, dass ihr „Raumschiff“, die „USS DORT.con“ sich in Richtung Sirius bewege. Dummerweise befände sich eine Bombe an Bord, die gefunden und entschärft werden müsse. Drei mutmaßlich terroristische Individuen kämen dafür in Frage, den Sprengkörper an Bord gebracht zu haben. Sie alle waren den Fahndern von GalaktoPol bereits aufgefallen:
Der Exil-Amerikaner Norman Spinrad hatte ein Buch mit dem Titel Bilder um 11 verfasst, dass von Terroristen als Leitfaden zur Besetzung eines TV-Senders verwendet werden konnte. Andreas Eschbach trug mit seinem Buch Die Haarteppichknüpfer Schuld an der Erhebung dieser Berufsgruppe gegen den galaktischen Kaiser. Und Uwe Rosenberg hatte Kartenspiele erfunden, mit denen Raumpiraten harmlose Passagiere gnadenlos abzocken konnten. Viel schwerer wog für die beiden Piloten jedoch der Umstand, dass keiner der drei Passagiere für sein Ticket bezahlt hatte!
Rosenbergs Personalien wurden auf der Bühne überprüft. Der Spiele-Autor bezweifelte ernsthaft, dass es auf dem Flug jemals etwas zu Essen gegeben habe! Andreas Eschbach war noch nicht an Bord. Er konnte erst bei Kelwitts Stern zusteigen. Norman Spinrad machte als einziger eine umfassende Aussage. Darin schilderte er, wie gegen ihn in Deutschland schon einmal ermittelt worden war, als sein Buch Der stählerne Traum indiziert wurde. Der Heyne-Verlag musste fünf Jahre lang kämpfen, um den Titel wieder unbeschränkt auf den Markt bringen zu können – und tat dies auch tapfer. Ein Deutscher kommt als terroristische Figur in Bilder um 11 vor. Dies geht auf Eindrücke zurück, die Spinrad 1992 in Berlin gesammelt hatte, wo er sich auch mit den Ost-Autoren Erik Simon sowie Angela und Karlheinz Steinmüller angefreundet hatte. Sein neues Buch He Walked Among Us schließlich ist mittlerweile weltweit zuerst in Deutschland erschienen, unter dem Titel Die Transformation. Er freue sich darauf, so Spinrad weiter, seinen bisherigen interessanten Erfahrungen in diesem Land eine weitere hinzuzufügen.
Auch nach dieser Erklärung konnte die Bombe noch nicht gefunden werden. Die beiden Piloten Diehl und Behrend sicherten ihren Passagieren zu, dass sie die Verdächtigen im Auge behalten und weiter befragen würden.

Der Amerikaner aus Paris

Norman SpinradNorman Spinrad
Die Späße, die Andre und ich uns während der Show-Elemente mit unseren Ehrengästen erlaubt haben, waren natürlich mit ihnen abgesprochen. Keiner von ihnen konnte über die Idee mit der Bombe allerdings so laut lachen wie Norman Spinrad. Unser Eröffnungs-Sketch erinnerte ihn doch sehr an die Handlung von Bilder um 11.
Diesen intelligenten Beobachter der amerikanischen Politik auf dem Con zu haben, war für unseren Con ein Glücksfall. Allerdings widmeten wir uns in einem ersten Interview noch nicht den aktuellen Themen, sondern seinen Anfängen bei STAR TREK. Für die von Spinrad verfasste Episode, in der Kirk und Co. gegen eine Höllenmaschine kämpfen, hatte sich der Autor eine komplizierte, hochtechnische Apparatur einfallen lassen, die auch so aussehen sollte. Als Spinrad das Ergebnis auf dem Fernsehschirm sah, rief er Roddenberry an und sagte: „Das sieht aus wie ein Windsack, den man in Zement getaucht hat.“ Roddenberrys Antwort war: „Es IST ein Windsack den man in Zement getaucht hat.“ Die neuen Serien findet Spinrad nicht mehr so gut. Er hat TNG in Bilder um 11 als The Geriatric Generation verspottet. Die Stories um Kirk, Spock und McCoy seien noch sehr direkt zum Punkt gekommen. In den späteren Serien gäbe es zu viele Figuren und Nebenstränge. Das würde Roddenberrys ursprüngliche Konzeption verwässern.
Spinrad musste sich wegen seiner Romane Champion Jack Barron und Der stählerne Traum den Vorwurf der Provokation gefallen lassen. Die Story um den politisch einflußreichen TV-Moderator Jack Barron hatte sowohl Wendungen aus der Gossensprache als auch eine Sex-Szene enthalten, die heute harmlos wirken, damals aber sogar im britischen Parlament Wirbel verursachten. Merkwürdig berührt den Autor, dass einige Lokal- und Regionalpolitiker in den USA das Buch wohl gelesen haben müssen, um anschließend nach dem Vorbild Jack Barrons eine eigene TV-Show zu starten. Sogar den italienischen Ministerpräsidenten und Medienmogul Silvio Berlusconi hat Spinrad im Verdacht, das Buch gelesen und in die Praxis umgesetzt zu haben.
Die Erfahrungen, die der Autor mit den deutschen Behörden gemacht hat, als es um Der stählerne Traum ging, grenzten ans Surreale. Immer wieder versuchte die Bundesprüfstelle darzulegen, dass der durchschnittliche, jugendliche deutsche Leser offenbar zu dämlich sei, um die Satire in diesem Buch zu erkennen. Einen Vorwurf, das Buch sei tatsächlich rechtslastig, hat es dagegen nie gegeben. Spinrad gibt auch zu, Beifall von der falschen Seite bekommen zu haben. Es gäbe amerikanische Nazis, die das Buch tatsächlich mit großem Vergnügen gelesen hätten. Das Nachwort hätten sie aber wohl ausgelassen, sonst hätte es ihnen kaum noch gefallen. Auch zur oft kritisierten Grundthese des Buches steht der Autor bis heute. Die Nazis hätten mit Hilfe einer sexuellen, fetischbeladenen Symbolik eine so große Anziehungskraft auf die Menschen in Deutschland ausüben können: die schwarzen, manchmal aus Leder gefertigten Uniformen, die hohen Stiefel, die lang in den Himmel reichenden Lichtkegel der Flakscheinwerfer auf den Reichsparteitagen … Das alles fällt in Der stählerne Traum der Lächerlichkeit anheim, nicht ohne manchen Seitenhieb auf die manchmal faschistoide amerikanische Pulp-SF.
Der Eindruck, er habe seine amerikanischen Landsleute mit dem Roman Russischer Frühling ein weiteres Mal provozieren wollen, trügt, so Spinrad weiter. Die durch die Perestroika geläuterte Sowjetunion übernehme in diesem Roman durchaus nicht die alleinige Vorherrschaft in der Welt. Das Buch sei vielmehr eine in die nahe Zukunft verlegte Utopie gewesen, in der sich alle Nationen auf einen besseren Umgang miteinander verständigen. Es sei im übrigen sein erster europäisch geprägter Roman. Bei der Buchpremiere in Moskau war die Sowjetunion noch existent und die Verhältnisse entsprechend. Der sowjetische Verlag hatte alles – Poster, Aufsteller, ein Heer von Marketingstrategen – nur kein vollständig fertiggestelltes Buch. Er habe aus seinem originalen Manuskript lesen müssen. Dafür lag eines der wenigen vorhandenen Exemplare bei Gorbatschow, dem der Roman gewidmet ist, auf dem Tisch.
über Bilder um 11 sprachen wir am Sonntag, als beide Ehrengäste aufgefordert waren, ihre Meinung zur Lage des Planeten kund zu tun. Die Terroristen des Grünen Kommandos, die in diesem Buch einen Fernsehsender übernehmen, seien wirklich harmlos im Vergleich zur Al Quaida, so Spinrad. Sie hätten ein konkretes politisches Ziel durchsetzen wollen und zwar möglichst ohne jemanden zu töten. Die Reaktion auf den Terror des 11. September findet Spinrad völlig hysterisch. Er hat sich selbst an diesem Tag in New York aufgehalten. Trauer und Solidarität hätten für ihn schon damals einen leicht übertriebenen, beunruhigenden Zug gehabt. Mittlerweile würden Fernsehredakteure fristlos gefeuert, wenn sie die Politik von Präsident Bush nur zurückhaltend kritisierten. Der von den USA ausgerufene allgemeine Krieg gegen den Terror sei nicht zu gewinnen. Es sei wie ein Krieg gegen Heuschrecken, den man auch erst gewonnen habe, wenn die letzte Heuschrecke erschlagen sei – was niemals der Fall sein wird.
Auch sonst stünde es um die Zukunft nicht zum Besten, so Spinrad weiter. Er habe mit seinem Roman Das tropische Millennium keinen ökologischen Bewusstseinswandel beim Publikum erzielt und sich diese Illusion auch gar nicht erst gemacht. Andere Zukunftsprobleme, die nur von weitblickenden Autoren aufgegriffen würden, sehe er dagegen nicht so dramatisch. Die Nanotechnologie etwa sei ein Hype. Es könne gar keine Maschinen geben, die die Assembler auf so kleiner Ebene bei Ausfällen reparieren könnten. Deswegen werde diese Technik scheitern und damit auch nicht massenhaft Arbeitsplätze vernichten. Von den Fortschritten in der Gentechnik erwarte er sich sogar positive Folgen in der Medizin.
Für die Signierstunde haben wir vom Heyne-Verlag 30 Exemplare des neuen Romans Die Transformation versprochen bekommen. Auf diese weltweite Erstausgabe war der Autor sehr gespannte. Er hatte selbst noch kein Exemplar. Der Vertrieb von Heyne hat es dann fertig gebracht, dafür zu sorgen, dass uns die Bücher per Express-Kurier gebracht werden. Am Montag nach dem Con waren sie da. Während wir noch am Samstag vergeblich auf die exklusive Lieferung warteten, lief der Fan Hanno Schmidt plötzlich mit einem von drei Exemplaren herum, die er im Dortmunder Bahnhofsbuchhandel entdeckt hatte! Ich bekam einen gehörigen Rappel deswegen. Norman Spinrad zeigte sich dagegen äußerst amüsiert. Immerhin hatte er so einen kurzen Blick auf das fertige Buch werfen können …

Das schwäbische Romanwunder

Andreas EschbachAndreas Eschbach
Schließlich war er doch noch da. Eine Lesung im süddeutschen Raum, die am Freitagabend vorher stattgefunden hatte, konnte Andreas Eschbach nicht davon abhalten, zum DORT.con zu kommen.
Mit Norman Spinrad hat Eschbach mehrere Dinge gemeinsam, das Geburtsdatum etwa oder die Tatsache, dass er eine eigene Homepage betreibt. Auf dieser lassen sich zum Beispiel Texte zu seinem Werdegang finden oder seine Gedanken zum 11. September. Obwohl man nach dem Studium der Seiten diesen Eindruck bekommen könnte, waren letztlich keine verzauberten Schreibmaschinen oder arroganten Deutschlehrer schuld an der Berufswahl von Andreas Eschbach. Prägend sei vielmehr die Neigung seines Vaters gewesen, ihm und seinem Bruder Fortsetzungsgeschichten zu erzählen, deren nächste Folge er gar nicht habe abwarten können.
Eschbachs eigene Haltung zum Schreiben ist eindeutig von dieser kindlichen Einstellung zur Geschichte beeinflusst, die sich auch auf die meisten Erwachsenen übertragen lässt: Eine Geschichte soll Spaß machen, spannend erzählt sein, mitfiebern lassen. So wie andere gute Autoren auch, schreibt Eschbach die Bücher, die er selber gerne lesen würde. Das Aneignen von schreiberischen Tricks und Kniffen ist für den Romancier unter den deutschen SF-Autoren nicht so wichtig gewesen, wie das schlichte Lesen von vorbildhaften Büchern.
Einen falschen Eindruck von der Bücherliebe des Autors könnte man bekommen, wenn man sich die E-Book-Zone auf seiner Homepage ansieht. Tatsächlich ist Eschbach der Ansicht, dass das E-Book nur ein sehr begrenzter Ersatz für das herkömmliche Buch sein kann. Man müsse sich vor der elektronischen Abschaffung dieses liebgewordenen Mediums nicht fürchten. Ein Buch sei ein genauso zu Ende entwickeltes Instrument wie ein Spaten oder ein Hammer, eine Erfindung, die man nicht mehr wesentlich verbessern könne. Auch in Zukunft würden die Menschen mit einem Taschenbuch in den Park gehen.
Obwohl Eschbachs aktueller Roman Eine Billion Dollar Richtung Mainstream geht und auch so vermarktet wird, hat der Autor nicht vor, in solche Gefilde abzudriften. Ihn interessierten nur Geschichten, die über das herkömmliche hinausgehen, so Eschbach. Die Recherchen für das Buch seien nicht so schwierig gewesen. Er habe bei so manchen unzufriedenen Finanzexperten ansetzen können. Nach dem das Buch heraus war hätten viele von ihnen gesagt: „Endlich spricht mal jemand alles laut aus.“
Sehr interessant für das Publikum war der Stand der Dreharbeiten für die Verfilmung von Das Jesus-Video bei Pro7. Darüber aber wusste Eschbach nichts zu berichten. Man halte ihn von den Dreharbeiten fern, offenbar, weil man befürchte, er könnte über das Ergebnis verärgert sein. Tatsächlich sieht Eschbach die weitere Entwicklung des Projekts völlig gelassen. „An dieser Stelle muss man zu einem Romanstoff sagen: Ich wünsch' dir alles gute – du musst dich jetzt alleine durchschlagen.“, sagte er dazu.
Als Eschbach die Meldungen über den Anschlag auf das World Trade Center im Radio hörte, ging es ihm wie vielen anderen auch. Er sagte sich: „Gleich kommt der Trailer – ‘Mehr sehen Sie im neuen Film von Roland Emmerich.’“ Dass es sich um bittere Realität handelt, führte in Deutschland zu neuen Auswüchsen in der überwachungstätigkeit des Staates. Eschbach ist aber nicht so sehr an diesem Thema interessiert, sondern viel mehr an der Tatsache, dass die Bürger selbst keinen Versuch mehr machen, sich irgendeine Privatsphäre zu bewahren. Dinge wie Webcams oder öffentliche geführte Handy-Telefonate hätten gezeigt, dass die Menschen an Dingen wie Datenschutz überhaupt kein Interesse mehr hätten, wenn man dies mit der Auseinandersetzung um die Volkszählung in den 80-er Jahren vergleiche. Dies sei ein Thema, das ihn fasziniere. Er habe aber noch keine klare Vorstellung davon, wie er es umsetzen wolle.
Wie man hört, hat Andreas Eschbach in einer der angesetzten Kaffeeklatsch-Runden für Fans einiges darüber verraten, was in seinen nächsten Werken vorkommen soll, immer mit dem Zusatz: „Behaltet das bitte noch für Euch.“

Der verdiente Pensionär

Arno Behrend, Wolfgang Jeschke und Birgit FischerWolfgang Jeschke (Mitte) im Gespräch mit Birgit Fischer (rechts) und Arno Behrend.
Wolfgang Jeschke macht Schluss. So lapidar hätte er das sicher selber ausgedrückt. Für die SF-Leser in Deutschland dagegen endet eine ära. Ob es noch mal gelingen wird, eine SF-Reihe auf so hohem Niveau wie bei Heyne heraus zu bringen, darf bezweifelt werden. Auch der alte Kämpe wider den trivialen Stumpfsinn hatte es nach dem Tod Rolf Heynes im Streit mit den Kostenrechnern des nunmehr federführenden Springer-Verlages nicht einfach gehabt.
In seinem Interview mit Birgit Fischer und mir schilderte Jeschke, wie er vom Kindler-Verlag zu Heyne kam und dort zunächst als Außenlektor tätig war. So unspektakulär sich diese Karriere anhört, so spektakulär verlief Ende der 50-er Jahre Jeschkes Abschied vom Science Fiction Club Deutschland (SFCD). „Die haben mich rausgeschmissen!“, erklärt der heutige SF-Pabst knapp. Mit einigen politisch „linken“ äußerungen in seinem Fanzine „Ad Astra“ hatte er den damaligen Vorstand des Vereins gegen sich aufgebracht. Vermutlich würden die selben Sätze heute keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Damals jedoch war ein Ausschluss die Folge. Wie sich die Zeiten ändern: Jahrzehnte später wird er von der 1. (Birgit) und dem 2. (meiner einer) Vorsitzenden des Clubs untertänigst interviewt. „Sie können davon ausgehen, dass ich heute immer noch links stehe“, ist sein abschließender Kommentar zu dem Vorgang.
Wolfgang Jeschke hat immer wieder das Fandom unterstützt wo es ging. Heyne-Autoren konnten ihre Unterbringung bei den SF-Tagen NRW als Geschäftsreise abrechnen. Der SFCD durfte trotz seiner unrühmlichen Rolle in Jeschkes Biografie Anzeigen in Heyne-Bücher setzen. „Ich wusste ja, dass die keiner durchsieht“, so Jeschke. Und so manches Mal hatten gute deutsche Amateur-Autoren das Glück, in den Anthologien des Herausgebers berücksichtigt zu werden.
Die Bearbeitung unverlangt eingereichter Manuskripte war allerdings nicht immer ein Vergnügen. Das Lektorat musste sich mit Massen wirklich schlechten Materials herumschlagen. Jeschke kann den deutschen Autoren insgesamt kein gutes Zeugnis ausstellen. Es gäbe zu wenige, die mit dem amerikanischen Niveau mithalten könnten. So mancher sei auch im Nachhinein dankbar dafür gewesen, dass Jeschke eine Story nicht verwendet habe.
Oft habe er den Buchhaltern im Hause langwierige Erklärungen geben müssen, warum ein Titel geht und warum nicht, manchmal völlig umsonst. Das ein Band aus der Perry-Rhodan-Taschenbuchreihe in der ersten Auflage ein Riesenerfolg ist und danach von den in Serien denkenden Lesern nicht mehr verlangt wird, habe zum Beispiel bis heute niemand begriffen. Das Heyne SF-Jahr habe er mit dem Argument verteidigen müssen, dass es bei Journalisten stark nachgefragt sei. Jetzt, da der Umfang der Reihe von radikalen Streichungen bedroht ist, möchte Jeschke seinem Nachfolger Sascha Mamczak trotzdem keine öffentlichen Ratschläge erteilen – auch nicht den, sich eine neue Stelle zu suchen. Mamczak müsse selber wissen, wie er unter den neuen schwierigen Umständen agieren wolle.
Jeschke selbst will nicht inaktiv bleiben. Es haben sich einige Ideen aufgestaut, die in Stories und Romane umgesetzt werden können. Das nach Büchern wie Der letzte Tag der Schöpfung das Thema „Zeit“ im Vordergrund steht, bejaht Jeschke ohne weiteres. Man darf also gespannt darauf sein, was der Altmeister mit seiner freien Zeit anfangen wird. Der SFCD will zu seinem Lebenswerk eine spezielle ANDROMEDA-Ausgabe herausbringen. Dem Publikum beim DORT.con waren 28 Jahre im Dienste der Science Fiction einen beeindruckenden, minutenlangen Applaus wert.

Das Rundum-Programm

Uwe RosenbergUwe Rosenberg
Mit Uwe Rosenberg war ein Spiele-Autor dritter Ehrengast des DORT.con. André Diehl schilderte er, wie er bei der Entwicklung eines Spiels vorgeht. Darüber hinaus war es für die Besucher spannend, gegen den Schöpfer von „Space Beans“ sein eigenes Spiel zu spielen. Gleiches galt für „Ashes of Empire“, das gegen seinen Erfinder Harald Topf gespielt werden konnte.
Metin TolanMetin Tolan
Die beiden STAR TREK-Vorträge des Dortmunder Physik-Professors Metin Tolan haben sich als absoluter Renner herausgestellt. Der überhaupt nicht trocken dozierende Wissenschaftler hat die Gänge des Fritz-Henßler-Hauses förmlich leergefegt. Sein Einsatz von Diagrammen und besonders Filmeinspielungen kam fabelhaft an.
Die Autoren Ronald Hahn, Bernhard Kempen, Boris Koch, Michael Marrak, Horst Pukallus und Sabine Wedemeyer-Schwiersch lasen aus ihren Werken und konnten ihr Publikum begeistern. Einzig Alexander Kröger hatte Pech. Seine Lesung lag parallel zum Interview mit Wolfgang Jeschke, das vom Publikum bevorzugt wurde. Das der Autor dem Komitee den Mißerfolg nicht im Mindesten krumm genommen hat, spricht für die gute Atmosphäre auf dem Con. Kröger hatte sich mit den Fans beim Vorcon in dem australischen Lokal Boomerang bereits bestens unterhalten. Wir haben ihm für das nächste Jahr einen prominenteren Lesungstermin versprochen.
Der Storyworkshop hat mit der bewährten „Instant Writing“-Methode neun Teilnehmern zu Story-Manuskripten verholfen, zu denen sie vorher noch keine Idee gehabt hatten. Die Geschichten waren aus ausgeschnittenen Zeitungsüberschriften entwickelt worden. Bis auf zwei sind alle Geschichten noch während des Workshops fertig geworden.
Weitere Programmpunkte haben sich auf unterhaltsame Weise mit der PERRY RHODAN-Serie, der Situation der Kleinverlage, übersetzungen und dem Schreiben von Buchbesprechungen beschäftigt. Die Kinonacht hatte Remakes zum Thema. Gezeigt wurden die alte Fassung von Die Zeitmaschine sowie die neue von Planet der Affen. Der von der Liga Freier Terraner veranstaltete Storywettbewerb zum Thema „Macht der Medien“ brachte gleich vier Autoren eine Urkunde aus den Händen des Jury-Vorsitzenden Horst Pukallus ein. Auf dem dritten Platz tummelten sich punktgleich Eva Ehrenfeld und Achim Hiltrop. Marcus Gebelein war der zweit-, Martin Roller der Erstplatzierte. Erstmals bei einem Dortmunder Con wurden alle prämierten Stories im Programmheft abgedruckt.
Im Anschluss an die Verleihung startete „Arnos und Andres Space Jeopardy“. Achim Hiltrop durfte als Saalkandidat dieser fiktiven Quiz-Show ein weiteres Mal auf die Bühne. Er musste gegen Darsteller aus unserem Team antreten, die in erfundenen Rollen um Punkte kämpften. Das Publikum hatte schnell raus, dass Achim im Grunde machen konnte, was er wollte – sein Sieg stand von Anfang an fest. Spätestens als unsere „Kandidaten“ bei völlig simplen „Fiesiko-Fragen“ versagten, war das wohl jedem klar. In der zweiten Runde traten unsere Ehrengäste als Experten für ihr eigenes Leben und Werk in Erscheinung. Spinrad und Eschbach korrigierte Fehler in unseren Fragen. Als der Kandidat Mark Buschhaus seinen Telefonjoker benutzte, rief er Eschbach persönlich an. Als der auf der Bühne den Ruf entgegen nahm, brüllte das Publikum vor Lachen. Nach langem Hin und Her ließ sich der Autor zu der Aussage herbei, er habe tatsächlich mal ein Buch mit dem Titel Das Jesus-Video geschrieben. Zwei Augenblicke später durfte er in seiner Rolle als Experte dann Marks Antwort ohne zu Zögern als richtig bestätigen.
Im Finale setzte sich Saalkandidat Achim endgültig durch. Schließlich gewann er mit der Antwort auf die Frage „Wie lange dauerte Asimovs Tausendjahresplan?“ den galaktischen Jackpot. Es handelte sich um einen Scherzscheck über 2.000.000 Milchstraßentaler, für 500 Jahre fest angelegt – so wie in Eschbachs Roman Eine Billion Dollar. Außerdem erhielt er als Zugabe eine Ausgabe des Spiels „Ashes of Empire“.

Der Bombenfund

Irina PostIrina Post
Die Raumschiffpiloten Arno und Andre traten am Sonntag dem 14. April um 16 Uhr wieder vor ihre Passagiere. Der Verdacht gegen die Herren Spinrad, Eschbach und Rosenberg habe sich nicht bestätigt, erklärten sie. Die beiden Offiziere ließen sich von diesen Passagieren sogar raten, wie sie den echten Bombenleger doch noch finden könnten. „Wenn es um eine Bombe an Bord eines Raumschiffs geht und der Bombenleger mit an Bord ist, würde ich nach jemand suchen, der ganz schön dumm ist“, erklärte Andreas Eschbach hilfreich.
Der TäterDer Täter
Arno und Andre konnten so den Kreis der Verdächtigen auf das Organisations-Komitee des DORT.con eingrenzen, dass schließlich dumm genug ist, so ein Event ein Jahr lang unentgeltlich und mit hohem Engagement vorzubereiten. Jedes einzelne Mitglied des Teams wurde auf der Bühne verhört. Als die Bombe immer noch nicht absprachegemäß aufgetaucht war, bekam ich es langsam mit der Angst zu tun. Doch dann hatte unser Komitee-Maskottchen, die siebenjährige Irina Post, doch noch ihren großen Auftritt. An der Hand ihrer Mutter Astrid, die sich für uns um die Hotels und die Kinderbetreuung gekümmert hat, überbrachte sie mir den ersehnten Sprengkörper, den ich überglücklich in die Arme schloss (so viel zur überschrift dieses Berichts).
Unser Kassierer Torsten Frantz wurde als Täter ausfindig gemacht. Dann hatte ich noch genug Zeit, unseren Passagieren noch ein schönes Restleben zu wünschen und die verbleibenden fünf Sekunden bis zur Explosion herunter zu zählen. Dann ging das Licht aus, und der DORT.con fand sein explosives Ende.

Die Bilanz

190 Besucher sind eine Zahl mit der die DORT.con-Macher gut leben können. Sie lag leicht über unserer Minimal-Kalkulation von 150. Wir glauben, dass dies ein guter Neu-Anfang war und sich dank Mundpropaganda noch mehr Menschen für unsere Veranstaltung interessieren werden. Mehrere Mails von Besuchern zeigen uns, dass das Programm gut angenommen worden ist. Der Neustart in Dortmund ist scheinbar gelungen. Finanziell bewegen wir uns im Plus, wodurch es möglich ist, im kommenden Jahr einen weiteren DORT.con auf die Beine zu stellen. Und genau das haben wir auch vor!

Weitere Berichte

Vorab-Interview im FO 153 (PDF, 0.98 MB)

Bericht im FO 155 (PDF, 1.48 MB)

Bericht auf sf-fan.de

Fotogalerie von sf-fan.de

Video von sam-smiley.net